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29 Jul 2021

“Digitale Prozesse lügen nicht”

Das Thema Haftungsdach spielt für die meisten Gründer*innen eines jungen Finanzunternehmens zu Beginn eine nachgelagerte Rolle. Spätestens, wenn es jedoch um die Strukturierung des Geschäftsmodells geht, stellt sich die Frage nach der Zulassung. Wie die Zusammenarbeit zwischen dem digitalen Haftungsdach CONCEDUS und einem Fintech im Detail abläuft, erklären die Gründer und Geschäftsführer Marius Grieseler (CEO), Johannes Zeiß (COO) und Marcel Lacroze (CTO) im Interview.

Einmal ganz grundsätzlich gefragt: Worin unterscheiden sich klassische und digitale Haftungsdächer?

Marius: Zunächst mal machen sich diese beiden Modelle untereinander keine Konkurrenz, weil beide sehr unterschiedliche Zielgruppen haben. Klassische Haftungsdächer richten sich vorrangig an Finanzberater, die wie bei einer Bank das klassische Beratungsgeschäft abwickeln wollen. Bei einem digitalen Haftungsdach orientieren wir uns sehr stark an den Prozessen der Finanzunternehmen und versuchen dann, die Zeichnungsstrecke zu standardisieren. Wir entwickeln gemeinsam mit den Unternehmen einen Workflow, der rechtskonform und skalierbar ist. Dazu zählt auch, die Teammitglieder so zu schulen, dass alle Regulatorien zu jedem Zeitpunkt eingehalten werden. Wir haften am Ende für das Unternehmen, deshalb ist es extrem wichtig, dass hier jeder einen sauberen Job macht.

Johannes: Digitale Haftungsdächer sind ja noch ein relativ junges Phänomen, da es einen Bedarf dafür erst seit zwei oder drei Jahren gibt. Davor gab es in der Fintech-Welt eigentlich nur Crowdfunding-Plattformen und Robos, die aber häufig zu Banken gehörten und deshalb auch deren Infrastruktur und Haftungsdach genutzt haben. Gerade die Deutschen nähern sich dem Kapitalmarkt jetzt erst an. Das nutzen immer mehr junge Unternehmen aus und bringen beispielsweise eine Investment-App an den Start. Für diese Anbieter ist ein digitales Haftungsdach ideal, denn die Prozesse können von uns perfekt an ihre digitalen Bedürfnisse angepasst werden.

Wofür haftet ein Haftungsdach?

Johannes: Wie Marius bereits gesagt hat, sind wir dafür verantwortlich, dass alle Prozesse passen und das in jedem Schritt die Regulatorik eingehalten wird. Wenn sich Gesetze verändern, müssen auch die Prozesse angepasst werden. Ein Haftungsdach haftet nur für die Anlagevermittlung, also für alle Prozesse vor, während und nach der Zeichnung. Wenn sich allerdings ein CEO verzettelt und das Unternehmen in die Insolvenz schlittert, dann haben wir damit nichts zu tun. Wir haften auch nicht für das Kapital der Anleger und Anlegerinnen.

Wie kommt Ihr mit den Fintechs in Kontakt?

Marius: In der Regel geht es ganz klassisch mit dem Ausfüllen unseres Kontaktformulars los – oder über ein persönliches Intro. Dann lernen wir uns das erste Mal kennen, besprechen das Geschäftsmodell und den Weg, wie das Unternehmen das umsetzen will. Die persönliche Ebene ist bei uns extrem wichtig. Wenn kein gutes Gefühl da ist, wenn der Funke nicht überspringt, beenden wir das Gespräch sofort wieder – denn am Ende müssen wir für diese Personen oder für das Unternehmen haften.

Johannes: Im zweiten Gespräch geht es dann schon tiefer rein und wir besprechen den Use Case im Detail. Ich gehe dann oft schon als Compliance-Beauftragter mit in das Gespräch und auch Marcel als CTO ist dann häufig direkt mit dabei. Dann prüfen wir, ob die Prozesse zusammenpassen. Danach folgen die Terms & Conditions, die Due Diligence und im Anschluss das Onboarding. Sobald der Vertrag unterschrieben ist, melden wir das der BaFin. Wenn die Finanzaufsicht keine Einwände hat, ist der Prozess in der Theorie abgeschlossen.

Das heißt, danach folgt dann der technische Teil?

Marcel: Genau. Wir arbeiten die Prozesse aus und regeln die Anbindung der Unternehmen an unsere APIs, also die Integration des Kunden. Die meisten Fintechs nutzen als Software bestehende White-Label-Lösungen, mit denen wir vollständig kompatibel sind. Bei solchen Lösungen gibt es im Backend schon die passenden Strukturen, die Zeichnungsstrecken sind bereits vorhanden, die Datenablage ist konform. Die wenigsten Fintechs nutzen eine komplett selbständige Infrastruktur. Die Integration kann in diesem Fall dann ein wenig länger dauern, wir müssen mehr prüfen und der Aufwand insgesamt steigt an.

Johannes: Parallel laufen dann bereits Workshops wie beispielsweise zu Compliance-Themen, welche Pflichten die Fintechs nachkommen müssen, welche Arbeitsanweisungen eingehalten werden müssen. Der Onboarding-Prozess besteht also aus verschiedenen Bausteinen. Erst wenn alles abgeschlossen und freigegeben ist, dürfen die Unternehmen mit ihrem Geschäftsmodell live gehen.

Wie lange dauert der gesamte Prozess bei CONCEDUS – also vom Erstkontakt bis zum Start des Fintechs?

Marcel: Wenn alles ordentlich läuft und die Software-Systeme gut miteinander kombinierbar sind, dauert der gesamte Prozess vom Erstkontakt bis zum Start des Unternehmens etwa zwei bis drei Monate. Und das ist ein extrem wichtiger Unterschied zu einer eigenen Bafin-Zulassung: Wir kriegen es in etwa einem Quartal hin, dass ein Fintech live gehen kann. Eine eigene Bafin-Zulassung kann dagegen gut und gerne ein bis eineinhalb Jahre dauern.

Marius: Für viele Gründer und Gründerinnen spielt das Thema Haftungsdach zunächst oft eine untergeordnete Rolle – es sein denn, das Team kommt aus dem Finanzbereich oder hat zuvor schon mal gegründet und bereits Erfahrungen damit gemacht. Bei den meisten Fintechs steht zunächst die Vision im Vordergrund. Erst wenn es dann um die AGBs, die Strukturierung der Finanzprodukte geht, kommt häufig die Frage nach dem Haftungsdach auf. Eine eigene Zulassung zu beantragen, ist aus Zeitgründen oftmals schon gar nicht mehr möglich. Und den Prozess mit der Bafin sollte man auch auf keinen Fall unterschätzen.

Welche Gebühren berechnet Ihr?

Marius: Wir arbeiten in der Regel mit einer an das Volumen gebundenen Vergütung, ohne fixe oder laufende Kosten, die unsere Partner – besonders in frühen Phasen – belasten würden. Noch dazu haben wir uns ein gestaffeltes Modell überlegt: Sollten die Transaktionen zunehmen, sinken auch die Kosten pro Transaktion, bei Skalierung des Unternehmens wird es also günstiger. Die Gebühren von klassischen Haftungsdächern sind in der Regel höher als bei digitalen Haftungsdächern, da sie ja auch andere Risiken haben und es häufig um eine aktive Finanzberatung geht. Berater können natürlich auch mal Fehler machen, das ist menschlich. Digitale Prozesse lügen in der Regel hingegen nicht. Eine Checkbox kann nicht einfach so verschwinden.

Johannes, Marcel, Marius – vielen Dank für das Gespräch!

Hier kannst du sehen, wer die Gründer und Köpfe hinter CONCEDUS sind.

jens-secker